"Die Förderung von Selbsthilfe ist eine Investition in die Zukunft"

Interview mit Anna Sax, Gesundheitsökonomin
Im Interview mit Selbsthilfe Schweiz erklärt Anna Sax, warum es sich lohnt, in Selbsthilfegruppen zu investieren und welche Konsequenzen das Scheitern des Präventionsgesetzes für die Selbsthilfe hat.
Frau Sax, Sie sind Gesundheitsökonomin. Die Selbsthilfe wird eher selten aus einer wirtschaftlichen Perspektive beleuchtet. Woher rührt Ihr Interesse an Selbsthilfe?

Selbsthilfe ist auch aus ökonomischer Sicht eine spannende Sache. Sie enthält ein grosses Potenzial für die Volkswirtschaft. So bin ich davon überzeugt, dass Selbsthilfegruppen einen Beitrag leisten können zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit und zum Abbau von Stress. Stress verursacht Kosten in Milliardenhöhe für die Wirtschaft. Selbsthilfe fördert die Gesundheitskompetenz und hat damit eine präventive Wirkung. Und sie trägt zu einem effizienteren Einsatz der Ressourcen des Gesundheits- und Sozialwesens bei.


Welchen Beitrag leisten Selbsthilfegruppen zur Volkswirtschaft?

Wer chronisch krank ist, eine Behinderung hat oder unter anderen Belastungen leidet, ist oftmals im Alltag und im Berufsleben eingeschränkt. In Selbsthilfegruppen finden Betroffene gemeinsam Lösungen für die bessere Bewältigung ihrer Probleme, viele gewinnen dadurch an Selbstständigkeit und Leistungsfähigkeit. Auch Angehörige, Freunde, Nachbarinnen und Arbeitskollegen werden entlastet. So betrachtet, leisten Selbsthilfegruppen tatsächlich einen Beitrag zur Volkswirtschaft. Nehmen wir zum Beispiel Mobbing: Eine Studie bezifferte 2005 die jährlichen volkswirtschaftlichen Kosten von Mobbing in der Schweiz auf 20 Milliarden Franken (1). Gerade auf diesem Gebiete haben Selbsthilfegruppen einiges zu bieten. Genau beziffern lässt sich dieser Mehrwert natürlich nicht.


Welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen? Was müssten der Bund und die Kantone tun, um die Selbsthilfe angemessen zu fördern?

Die Förderung von Selbsthilfegruppen ist eine Investition in die Zukunft des Gesundheitssystems und des Sozialstaats. Der Bund, einige Kantone und Gemeinden haben das erkannt und leisten Beiträge an die die regionalen Selbsthilfekontaktstellen und an Selbsthilfe Schweiz, insgesamt rund CHF 2‘743‘000. Das ist ein Bruchteil dessen was im Verhältnis zur Bevölkerungszahl die öffentliche Hand in Deutschland an die Selbsthilfe leistet. Die Versorgung ist jedoch noch immer nicht flächendeckend, und längst nicht alle Kantone haben den Nutzen der Selbsthilfeförderung erkannt. Es braucht also nicht nur mehr Geld, sondern mindestens ebenso wichtig ist eine Strategie zur Förderung von Selbsthilfegruppen auf nationaler Ebene, die von Bund und Kantonen mitgetragen wird.


Das Bundesgesetz über Prävention und Gesundheitsförderung ist im Herbst 2012 im Parlament gescheitert. Was bedeutet das für die Selbsthilfe in der Schweiz?

Das ist eine herbe Enttäuschung. Mit dem Präventionsgesetz wäre eine Grundlage für die Förderung der Selbsthilfe geschaffen worden. Eine gesetzliche Verankerung ist notwendig, damit der Bund hier stärker aktiv werden kann. Deshalb muss jetzt rasch nach einer neuen Lösung gesucht werden: Der Passus zur Förderung der Selbsthilfe im Präventionsgesetz war bei den Beratungen im Parlament nie umstritten, so dass es möglich sein sollte, politische Unterstützung für die Selbsthilfeförderung zu erhalten. Aber das bedeutet wieder Aufbau- und Überzeugungsarbeit über mehrere Jahre.

(1) Severin Negri in Safety-Plus 4/09