„In einer Selbsthilfegruppe wird Energie zusammengeführt und ein Mehr erreicht“

Erste nationale Selbsthilfe-Tagung, eine Zusammenfassung von Katia Schaer, Kommunikationsverantwortliche von Selbsthilfe Schweiz
Reden hilft: Unter der Leitung der Gesundheitsökonomin Anna Sax diskutieren Teilnehmende an Selbsthilfegruppen und Fachleute.
Reden hilft: Unter der Leitung der Gesundheitsökonomin Anna Sax diskutieren Teilnehmende an Selbsthilfegruppen und Fachleute.
Das Fazit der ersten nationalen Tagung zur gemeinschaftlichen Selbsthilfe ist eindeutig: Selbsthilfe wirkt, Selbsthilfe ist wichtig und wertvoll – und es braucht mehr Öffentlichkeitsarbeit.
Selbsthilfe wirkt dort – so haben wir von mehreren ReferentInnen und Referenten erfahren – wo anderes aufhört: Wenn Freundinnen und Bekannte der Meinung sind, dass es langsam Zeit sei, wieder in den Normalmodus zurückzuschalten. Wenn man aus der Therapie entlassen wird, und für die Ärztinnen und Therapeuten als vorläufig genesen gilt. Wenn alle anderen gar nicht wissen, dass das Problem, das uns belastet, überhaupt ein Problem sein kann. Oder dann, wenn die Profis sich eingestehen müssen, an die Grenzen ihres eigenen Einfühlungsvermögen gekommen zu sein.

Selbsthilfe wirkt. Die Vizedirektorin des Bundesamtes für Gesundheit, Andrea Arz de Falco, anerkennt die Selbsthilfe als komplementäre Ergänzung zur Gesundheitsversorgung. Und Martin Merki, Sozialdirektor der Stadt Luzern und selbst Selbsthilfe-Erfahrener, lobt, dass in einer Gruppe gemeinsame Energie zusammengeführt wird und damit ein Mehr erreicht wird. Ob damit ein volkswirtschaftlicher Nutzen erreicht wird, ist für den Politiker nicht entscheidend: « Es geht nicht darum, dass es weniger kostet, sondern was es nutzt. »

Und doch geht es meist ums Geld: Lamia von einer Selbsthilfegruppe für Eltern von epilepsiekranken Kindern hat die Erfahrung gemacht, dass das Interesse der Politik für die Selbsthilfe oft nur von kurzer Dauer ist. Und meist dann abnimmt, wenn es um Geld geht - wie das jüngste Beispiel der Budgetkürzung des Selbsthilfecenters Zürich durch den Gemeinderat zeigt.

Dabei ist ein guter Kontakt zur Politik ein Teil des Geheimnisses, weshalb sich in Deutschland die Selbsthilfe etabliert hat und seit 15 Jahren von den öffentlichen Krankenkassen grosszügig unterstützt wird. Jürgen Matzat, Selbsthilfeaktivist der ersten Stunde von der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e.V., verrät auch die weiteren Punkte, die für die breite Akzeptanz der Selbsthilfe nötig sind: ein langer Atem, harte Zahlen belegt durch die Forschung und eine Institution wie ein Dachverband. Die Selbsthilfe in der Schweiz ist also auf dem richtigen Weg.



Ein guter Kontakt zur Politik war in Deutschlanf entscheidend, damit die Krankenkassen die Selbsthilfe unterstützen, erzählte Jürgen Matzat.
Ein guter Kontakt zur Politik war in Deutschlanf entscheidend, damit die Krankenkassen die Selbsthilfe unterstützen, erzählte Jürgen Matzat.
Wie lange dieser Weg ist, zeigt aber auch das Beispiel der Spitäler fmi, einem selbsthilfefreundlichen Spitalbetrieb, in dem Selbsthilfe als wichtiger Teil der psychiatrischen Behandlung integriert wird, und speziell auch dort, « wo es kompliziert wird », wie die Oberärztin bei den psychiatrischen Diensten, Eva Meisters, ausführt. Denn nur Flyer auflegen und auf die Angebote hinweisen, ist noch die einfachste Aufgabe. Viel schwieriger wird es, einen Spitalbetrieb aufzubauen, in dem auf Augenhöhe kommuniziert wird, in dem die Praktikantin ebenso eine Stimme hat wie die Oberärztin, und letztere keinen Minderwertigkeitskomplex bekommt, wenn ein Laie einmal besser Bescheid weiss.

Gesellschaftliche Veränderungen stehen am Anfang der Selbsthilfebewegung in Deutschland. Stichworte sind Emanzipation, Eigenverantwortlichkeit. Aber es sind auch die gesellschaftlichen Veränderungen, die Selbsthilfe vermehrt nötig machen: Einsamkeit, Isolation und Beziehungslosigkeit sind heute bedeutende Risikofaktoren, um krank zu werden und krank zu bleiben. Und am besten könnte eine Krankheit oder eine schleppende Genesung vermieden werden, wenn man Freunde habe. Solche Freunde finde man zum Beispiel auch in einer Selbsthilfegruppe.

Und doch werden Betroffene, Angehörige und die Fachleute in den Selbsthilfezentren immer wieder mit viel Unwissen und Nichtwissen konfrontiert. Noch ist Selbsthilfe nicht allen ein Begriff, Betroffene wissen nicht, dass es eine Gruppe gibt. Und so ist auch das Bedürfnis dieser Tagung eindeutig: Es braucht mehr Öffentlichkeitsarbeit.

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Der Infostand von Selbsthilfe Schweiz zog viele Interessierte an.
Der Infostand von Selbsthilfe Schweiz zog viele Interessierte an.
In Workshops wurde intensiv zu verschiedenen Themen rund um die gemeinschaftliche Selbsthilfe diskutiert.
In Workshops wurde intensiv zu verschiedenen Themen rund um die gemeinschaftliche Selbsthilfe diskutiert.