Studie Selbsthilfe Schweiz

Wenn Gleichbetroffene gemeinsam ihr Schicksal in die Hand nehmen

Neue Studie zur Gemeinschaftlichen Selbsthilfe in der Schweiz
Zum ersten Mal befasst sich eine Studie auf nationaler Ebene mit der gemeinschaftlichen Selbsthilfe. Auf der Grundlage empirischer Forschung zeichnen die Autorinnen und Autoren ein umfassendes Bild der Selbsthilfelandschaft und ziehen Schlussfolgerungen zu Bedeutung, Nutzen und Grenzen der Selbsthilfe. Die Studie erscheint am 1. September beim Hogrefe Verlag.
Im Auftrag von Selbsthilfe Schweiz erstellten Forschungsteams der Universität Lausanne und der Hochschule Luzern Soziale Arbeit eine breit angelegte Studie zur gemeinschaftlichen Selbsthilfe in der Schweiz. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen sollen auch Antworten auf die Frage liefern, ob die aktuelle Unterstützung durch Institutionen und die Politik ausreicht und den Bedürfnissen der Akteure im Bereich Selbsthilfe entspricht.

Entwicklungstendenzen der Selbsthilfe in der Schweiz

Seit der Gründung des ersten Selbsthilfezentrums 1981 in Basel ist die Selbsthilfebewegung in der Schweiz markant gewachsen. Die Datenbank von Selbsthilfe Schweiz erfasst über 2500 Selbsthilfegruppen mit etwa 43‘000 Teilnehmenden. Das sind 32 Teilnehmende pro 100‘000 Einwohner. 2004 waren es noch 24. Es besteht aber nach wie vor ein grosses Wachstumspotenzial. In Deutschland gibt es zum Vergleich pro Kopf etwa zwei bis dreimal so viele Selbsthilfegruppen. Drei Viertel dieser Gruppen können dem Gesundheitsbereich zugeordnet werden, ein Viertel beschäftigt sich mit sozialen Themen. Somatische Krankheiten betreffen 40 Prozent der Gruppen. Suchtprobleme 20 Prozent und psychische Krankheiten 17 Prozent.

Nutzen und Grenzen aus Sicht von Teilnehmenden und Fachpersonen

Das Forschungsteam befasst sich mit der Frage, welche Auswirkungen und Grenzen die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe hat. Dazu wurde über 1000 Kontaktpersonen von Selbsthilfegruppen ein Fragebogen zugestellt. Zusätzlich wurden sechs Fokusgruppen-Interviews mit 46 Teilnehmenden und zwölf Gespräche mit Fachpersonen aus dem Sozial- und Gesundheitsbereich geführt. Die Wirkungen, welchen die Mitglieder einer Teilnahme beimessen, entsprechen den von ihnen erwähnten Bedürfnissen und werden von den Fachpersonen nahezu vollumfänglich bestätigt. Wirkung entfaltet die Beteiligung auch auf die Beziehung mit anderen (Angehörige, Gruppenmitgliedern) und Fachleuten. Aus Sicht der Fachpersonen kommen auch Wirkungen auf die Gesellschaft als Ganzes hinzu.

Vernetzung und Handlungsempfehlungen

Die Studie befasst sich auch mit der Organisationsform und Ressourcenausstattung der Stiftung Selbsthilfe Schweiz und der Selbsthilfezentren, mit ihrer Vernetzung mit Kooperationspartnern und Institutionen des Sozial- und Gesundheitswesens und formuliert Handlungsempfehlungen an die Politik und verschiedene andere Akteure. Die Selbsthilfezentren stellen als Drehscheibe für Betroffene, Angehörige und Selbsthilfegruppen eine wichtige Funktion für die Verbreitung der Selbsthilfebewegung in der Schweiz dar. Die häufigsten Kooperationspartner von Selbsthilfezentren sind psychiatrische Kliniken/Dienste, Sozialberatungsstellen, Behindertenorganisationen, Selbsthilfeorganisationen und Gesundheitsligen. Die vertiefte Zusammenarbeit der Selbsthilfezentren mit psychiatrischen Diensten und Spitälern sollte im Rahmen der psychosozialen Gesundheit eine wichtige Rolle zur Stärkung von Betroffenen einnehmen – insbesondere bei seltenen oder tabuisierten Themen (wie z. B. psychische Krankheiten). Zu diesem Zweck arbeitet Selbsthilfe Schweiz seit diesem Jahr gemeinsam mit drei Selbsthilfezentren an einem Pilotprojekt „selbsthilfefreundliche Gesundheitsinstitutionen“.

Gemeinschaftliche Selbsthilfe in der Schweiz. Bedeutung, Entwicklung und ihr Beitrag zum Gesundheits- und Sozialwesen. Von L. M. Lanfranconi, J. Stremlow, H. Ben Salah, R. Knüsel. Bern: Hogrefe, August 2017

Die Studie kann hier bei Selbsthilfe Schweiz bestellt werden.