Sexueller Missbrauch in der Kindheit


Ich kam vor gut einem Jahr in die Selbsthilfegruppe für Frauen, die in der Kindheit sexuell ausgebeutet wurden. Der Einstieg war nicht ganz leicht, denn es bedeutete für mich vor allem, mich einer Gruppe von Menschen ungeschützt auszusetzen. Das war mit Angst und Misstrauen verbunden. Denn sich in eine vorerst nicht berechenbare Situation zu begeben, ist mit meiner Vorgeschichte kein einfaches Unterfangen. Zumindest für mich.

So brauchte ich auch etwas Zeit mich einzugewöhnen, die anderen Frauen kennen und einschätzen zu lernen - letztendlich Vertrauen zu entwickeln. Doch das Schöne an diesem Eingewöhnungsprozess war, festzustellen, dass ich damit nicht alleine bin, denn auch die bestehende Gruppe musste sich an mich gewöhnen, ihren Kreis für mich öffnen, mich dazu stossen lassen und mir gegenüber Vertrauen entwickeln.

Eine interessante Erfahrung war für mich, dass der Umstand, dass wir alle die gleiche Art Rucksack tragen, sehr rasch zu einer gemeinsamen Sprache, einem gegenseitigen Verständnis geführt hat, bzw. innerhalb der Gruppe bereits vorhanden war. Es ist sehr angenehm und anregend, sich mit anderen Betroffenen unterhalten zu können, denn Vieles muss nicht erst erklärt werden. Auch gerät man nicht in Situationen, in denen man das Gegenüber auffangen muss, weil es mit dieser Thematik überfordert ist. Wir wissen alle, wovon wir reden, beschäftigen uns bereits sein langem mit den daraus resultierten Symptomen und sind auf der gleichen Suche nach Möglichkeiten, mit unseren individuellen Einschränkungen umzugehen und Wege zu finden, sie zu überwinden oder mit ihnen auf positive Weise leben zu können.

Wir haben uns aus unterschiedlichen Gründen für die Selbsthilfegruppe entschieden, sind aber alle seit mehreren Jahren intensiv daran, an uns zu arbeiten. Wir nehmen uns als Erwachsene wahr, die die sexuelle Ausbeutung überlebt haben. Wir wollen keine Opfer sein, sondern Überlebende. Für uns ist es deshalb auch von zentraler Bedeutung, selbst bestimmen und uns selbst helfen zu können. Das Bedürfnis nach Selbstbestimmung und das Recht, „nein“ zu sagen – beides Dinge, die uns in der Kindheit gewaltsam genommen wurden –, sind für uns auch im therapeutischen Umfeld wichtig. So hatten wir in der Gruppe nie den Wunsch begleitet oder angeleitet zu werden. Wir sind bewusst das Risiko eingegangen, dass es auch einmal schwierig werden kann, dass Konflikte entstehen, dass durch das Hören von Aussagen der anderen eigene schmerzhafte Erinnerungen aufsteigen und uns auf die Zeitreise in die Kindheit schicken. Wir haben uns entschieden, uns genau dieser Herausforderung zu stellen – in dem Tempo, das wir selbst bestimmen, auf eine Weise, die wir selbst wählen.

Wie jedem anderen Erwachsenen fällt es auch uns nicht immer leicht, alles im Griff zu haben oder für ein Problem sogleich mit der zündenden Idee für eine Lösung aufzuwarten, aber wir sind auf dem Weg. Es ist ein Weg, den wir derzeit gemeinsam gehen, auch wenn wir uns nicht mehr so häufig treffen, da wir mittlerweile weiter gezogen sind und für uns eine neue Form von Gruppe entschieden haben. Wir leben unsere Leben und treffen uns nun alle zwei Monate für einen langen Sonntag, an dem wir gemütlich brunchen und so lange reden und uns austauschen, wie wir mögen.
Wir haben uns in der Selbsthilfegruppe gefunden und sind dankbar, dass wir hier als Erwachsene wahrgenommen wurden, die selbst bestimmen wollen und können, wie ihre Selbsthilfe gestaltet ist. Denn wir sind schon lange keine Kinder mehr, die zerzaust und zusammengekauert in der Zimmerecke in die vor das Gesicht geschlagenen Hände weinen und auf Hilfe warten.

M.S.

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