Tobias C.

Teilnehmender der Selbsthilfegruppe Psychosen Luzern
Tobias C.
Tobias C.
2004 wurde bei mir die Diagnose paranoide Schizophrenie gestellt. Nach zwei relativ stabilen Jahren, in denen dank der Medikamente die Ängste aus meinem Leben wichen, jedoch die Verfolgungsgedanken blieben, kam 2006 die zweite Psychose, die schliesslich in der psychiatrischen Klinik St. Urban im Luzerner Hinterland endete.

Mein Kontakt mit anderen psychisch Kranken war sehr beschränkt. Ich hatte jedoch ein grosses Bedürfnis nach mehr Begegnungen mit Leidensgenossen. Im Frühjahr 2012 meldete ich mich daher bei der Selbsthilfe Luzern Obwalden Nidwalden. Dort erfuhr ich, dass gerade eine Gruppe ‚Psychosen‘ in Gründung sei. Sehr gespannt und auch unsicher ging ich an die ersten Treffen. Es war eine kunterbunte Truppe von etwa 10 Betroffenen, die sich die ersten paar Mal trafen. Es wurden wilde Geschichten erzählt, von Selbstverletzungen, Suizidversuchen und vielem mehr. Ich fand es toll, endlich ein paar Leute kennenzulernen, die ähnliche Probleme hatten wie ich. Es waren fast alle in meinem Alter und alle aus Luzern und Umgebung. Von da an ging ich an die monatlichen Treffen. Zuerst war die Gruppe noch geleitet durch die Sozialarbeiter vom Selbsthilfezentrum. Nach einer gewissen Zeit wurden wir selbstständig und trafen uns einmal monatlich in einem Pfarreiraum ohne die Anwesenheit der Sozialarbeiter.

Die Selbsthilfegruppe finde ich eine sehr gute Sache. Als Kontaktperson der Gruppe habe ich auch eine Homepage gemacht und Flyer gedruckt, um neue Menschen zu finden, die bei uns mitmachen wollen und ich hoffe es gibt uns noch viele Jahre.

In der Selbsthilfegruppe habe ich meinen heutigen besten Freund kennengelernt. Wir haben beide viel Freizeit und treffen uns häufig. Wir verstehen uns sehr gut und sprechen auch immer wieder über unsere Krankheit. Auch habe ich schon Leute durch die Selbsthilfegruppe kennengelernt, die mir sehr sympathisch waren und die ich dann häufiger auch privat traf. Diese sozialen Kontakte in der Gruppe sind für mich das positivste Erlebnis. Gerade weil ich vorher wenige Leute mit dem gleichen Schicksal kannte, waren diese Bekanntschaften sehr wichtig für mich. Auch schätze ich es sehr mit den Leuten in der Gruppe zu reden, sich über all die brennenden Fragen auszutauschen, so auch das Selbststigma abzubauen und das Wissen über die Krankheit aufzubauen. Je mehr man mit Leuten zusammen ist, die dasselbe Leiden haben, desto normaler fühlt man sich in seiner Situation. Man beginnt sich ein Umfeld aus Gleichgesinnten aufzubauen und fühlt sich nicht mehr randständig oder ausgeschlossen, sondern in das persönliche Umfeld völlig integriert und akzeptiert. Es macht sich ein Gefühl der Normalität breit.

Ein anderer positiver Aspekt der Selbsthilfegruppe war für mich als Kontaktperson der Gruppe, dass ich im Trialog Zentralschweiz (Seminare mit Betroffenen, Angehörigen und Fachleuten auf Augenhöhe) im Kernteam, welches die Seminare organisiert und veranstaltet, mitwirken konnte. So hatte ich viele Sitzungen im Jahr und lernte verschiedenste Leute aus der Psychiatrieszene Zentralschweiz kennen. Dies war der Start für mich in eine neue Richtung. Ich wollte mich für meine Krankheit einsetzen. Durch den Trialog lernte ich Angestellte der Organisation Traversa (Netzwerk für psychisch Kranke in Luzern) kennen und kam von da an zu neuen Engagements. So gab ich zum Beispiel Zeitungsinterviews oder hielt Vorträge über meine Krankheitsgeschichte vor Schulklassen mit Pflegefachleuten.

Die Selbsthilfegruppe war für mich der Weg in ein gesünderes Leben, zu einem Gefühl der Normalität ohne Selbststigma, zu einem Umfeld aus Gleichgesinnten. Sie gab mir den Willen, meine Kraft künftig für meine Erkrankung, der paranoiden Schizophrenie, einzusetzen. Ich möchte das Mitwirken in einer Selbsthilfegruppe jedem und jeder Betroffenen ans Herz legen.


Eine längere Version des Erfahrungsberichts finden Sie auf Medium.